Die schlurfenden Straßen · Staffel 1 · Folge 1
Die Krume Kreide
Von KI geschrieben und geprüft, bevor es erscheint. Das ist Fiktion: Personen und Orte sind erfunden.
Jede Nacht um Mitternacht erhoben sich die Straßen von Marrowick und gingen spazieren. Sie kamen nicht weit. Eine Gasse tauschte vielleicht den Platz mit einer Seitengasse. Eine Treppe drehte sich vielleicht in die andere Richtung. Bis zum Morgen hatte sich alles wieder beruhigt wie eine Katze auf einem Kissen, und niemand konnte genau sagen, wo.
Aus diesem Grund brauchte die Stadt Wegfinder. Ein Wegfinder trug weiße Kreide aus dem Steinbruch von Stillstone. Eine Kreidemarkierung an einer Straßenecke hielt diese Straße bis zum Sonnenaufgang an ihrem Platz. Ein guter Wegfinder zeichnete allen den sicheren Heimweg, bevor die Wendeglocke läutete.
Ilo Brandle war zwölf Jahre alt und seit elf Wochen Lehrling. Sie hatte eine Schultasche, eine Blechpfeife und eine Ziege namens Mop. Mop war keine offizielle Ausrüstung. Mop war ihr einfach eines Morgens gefolgt und hatte nie wieder aufgehört.
In dieser Nacht lag Meisterin Dessa Fenn mit einem Husten wie einem rostigen Tor im Bett. Sie drückte Ilo drei Kreidestücke in die Hand. „Bäckermeile“, krächzte sie. „Drei Markierungen, dann sofort nach Hause, bevor die Glocke läutet. Spiel dich nicht schlau.“
„Ich bin nie schlau“, sagte Ilo.
„Gut. So landen Wegfinder in der Kluft.“ Dessa hustete, und eine ihrer vierzig Taschen klapperte.
Die Bäckermeile führte vom Uhrturm im Zentrum der Stadt zu den Bäckereien am Fluss. Jeden Abend gingen die Bäcker auf diesem Weg nach Hause, mit dem Mehl für den nächsten Tag auf dem Rücken. Ilo machte ihre erste Markierung beim Uhrturm. Die zweite zeichnete sie am Brunnen mit den drei steinernen Fischen. Die dritte machte sie auf der alten Brücke, und der letzte Stift schrumpfte zu einer Krume, so groß wie eine Erbse.
Sie blies in ihre Pfeife. Das Echo kam schnell und scharf zurück. Das bedeutete, dass die Straße fest war und bleiben würde. Ilo spürte ein kleines, stolzes Warmgefühl. Dann hörte sie eine andere Pfeife, dünn und wackelig, weit weg im Osten.
Mop hob den Kopf. Seine Ohren drehten sich wie zwei kleine Segel.
„Nein“, sagte Ilo. „Das ist das Lose Viertel. Niemand markiert das Lose Viertel. Wir gehen nach Hause.“ Mop sah sie an. Die Pfeife ertönte wieder, und diesmal klang sie, als würde sie um Hilfe bitten.
Ilo seufzte und rannte los. Hinter ihr zeigte die Uhr am Turm zehn Minuten vor Mitternacht. In der Schustergasse fand sie einen alten Mann mit einem Handwagen voller Lampen. Ein Rad steckte in einer Regenrinne. „Ah, eine Wegfinderin!“, sagte Burrick Oss. „Ich habe meinen Lampen gesagt, dass jemand kommen würde. Sie haben mir nicht geglaubt.“
Ilo und Mop zogen, während Burrick schob. Mop rempelte den Wagen mit seinem harten kleinen Kopf an. Das Rad sprang frei, und hundert gläserne Lampen klimperten wie Gelächter. Aber Ilos Magen zog sich zusammen. Die Bäckermeile war weit weg, und sie hatte nur noch eine Krume Kreide.
Die Glocke begann in der Ferne zu läuten. Eins. Zwei. Über die Gasse hinweg glitt eine schräge Seitenstraße fort wie ein Tablett, das vom Tisch gezogen wurde. Burrick packte seinen Wagen. „Ach je“, sagte er. „Wir werden am Stadtrand landen.“ Ilo wusste, dass er recht hatte. Eine unmarkierte Straße trug alle, die auf ihr waren, mit sich fort, und am Stadtrand lag die Kluft.
Sie kniete nieder und zeichnete mit der Krume eine Markierung. Es war eine winzige Markierung, nicht länger als ihr Daumen. Ihre Markierungen verschmierten immer, und diese sah schlimmer aus als sonst. Unter ihren Knien zitterten die Kopfsteinpflastersteine. Die Straße machte sich bereit zu gehen. Ilo dachte an das, was Dessa immer sagte: Kreide ist nur Kreide. Diejenige, die fragt, ist die Wegfinderin.
Also tat sie etwas, das sie noch nie getan hatte. Sie legte ihre Handfläche flach auf die Steine, und sie fühlten sich warm an wie der Rücken eines schlafenden Tieres. „Bitte“, flüsterte sie. „Bleib. Hier sind Lampen und ein alter Mann und eine Ziege, die hier eigentlich gar nicht sein dürfte.“ Dann drückte sie die Krume in die Markierung. Die Pflastersteine gaben einen langen Ton von sich, tief und süß wie eine gehaltene Note.
Die Glocke schlug zwölf. Ringsum bewegte sich Marrowick. Wände glitten vorbei, eine Bäckerei drehte sich in einem langsamen Kreis, und eine ganze Reihe Schornsteine marschierte davon ins Dunkel. Aber die Schustergasse bewegte sich nicht. Sie lag still wie ein Stein mitten im Fluss, und die Stadt floss um sie herum. Burricks Lampen schwankten sanft und gaben ein weiches goldenes Leuchten von sich.
„Na“, sagte Burrick schließlich, „das war sehr höflich von der Straße.“
Ilo konnte nicht antworten. Ihre Hände zitterten. Mop kaute bedachtvoll an einer Ecke ihrer Schultasche, was das Nächstliegende an einem Dankeschön war, was er zustande brachte.
Sie saßen auf dem Wagen, bis der Himmel grau wurde. Kreide verblasst bei Sonnenaufgang, und Ilo wartete darauf, dass die kleine Markierung verschwand, wie es jede Markierung tat. Die Sonne ging auf. Die Markierung verblasste nicht. Sie saß auf dem Bordstein, klein und weiß und so hell wie neu. Die Schustergasse und die drei Straßen ringsum hatten sich überhaupt nicht bewegt.
Das war alles für heute.